© Dominik Gelsheimer

Schlüsselstellen der Eisenzeit

Klettertour auf die Zugspitze

24.07.2026

Ende Juli, morgens um 04:30 Uhr treffen sich Matthias, Leo und ich mit dem Radl in Fürstenried West. Von hier geht‘s mit dem Auto weiter zur Talstation der Ehrwalder Zugspitzbahn, wo wir Lutz direkt vor Ort treffen. Christian Bormann, unser Tourenleiter und zugleich jüngster im Bunde, ist die Route schon mehrfach durchgestiegen, und so ist die sonst anspruchsvolle Routenfindung heute kein Problem.  

Flott steigen wir von der Talstation der Tiroler Zugspitzseilbahn hinauf zur Zahnradbahnstation Riffelriss. Direkt dahinter beginnt sich der Tunnel der Zahnradbahn durch den Berg hinauf zur heutigen Forschungsstation Schneefernerhaus zu schlängeln. Wir haben vor, auf den Spuren der ehemaligen Erbauer des Zugspitzbahntunnels entlang der „Eisenzeit“ den Gipfel zu erklimmen. Dazu geht‘s erst auf noch recht angenehmen Wegen hinauf zur heutigen Sprengseilbahn. Hier startet der vor 10 Jahren wiederentdeckte Steig hinauf zum Tunnelfenster 4, dem letzten der vielen Tunnelschächte, die gleichzeitig gebohrt wurden, um die Bahn möglichst schnell fertigzustellen.

Entlang des gesamten Steigs liegen Stahlteile und Stahlseile, die letztmalig vor 100 Jahren angebracht und genutzt wurden. Anders als heute wurde damals nach dem Bau nicht aufgeräumt, und so befinden wir uns einen Großteil des Tages in einem Freiluftmuseum der ganz besonderen Art. Für uns gilt zu beachten, dass die Stahlseile nicht zum Festhalten und Sichern geeignet sind, denn gewartet wird hier nichts.

Entlang eines langgezogenen Bands queren wir Richtung der heutigen Eibsee-Zugspitzseilbahn hinter das Gamseck. Die Bergstation sieht von hier schon zum Greifen nah aus, ist für uns aber noch einige Stunden entfernt. Pünktlich zur Fahrt der ersten Bahn, die direkt neben uns vorbeischwebt, hört das einfache Bergsteigen auf und es geht richtig los: Einem einstmals in die Felsen gehauenem Steig, der heute noch zu erahnen, aber mit losem Gestein gesäumt ist, folgen wir hinauf zur ersten Schlüsselstelle, der „Harakiri“-Leiter. Diese leicht schiefe, verrostete, mit ausgefransten Stahlkabeln umsäumte Leiter, gilt es hinaufzusteigen. Da sie stark wackelt und nur noch an einem Punkt teilweise befestigt ist (was man erst oben, wenn man aussteigt, sieht), gibt es heute neue Bohrhaken, um sowohl Vor- als auch Nachsteiger gegen totalen Absturz zu sichern. Spannend ist es allemal, eine solch unsichere Leiter im Absturzgelände hinaufzusteigen. Leo versucht sich, statt die Leiter zu belasten, lieber an der Umkletterung, was auch gut klappt.

Der Steig geht weiter zu einem alten Strommasten und kurz danach zur eigentlichen Schlüsselstelle hinauf: Die – laut Topo – Stufe IV bereitet uns keinerlei Probleme und erscheint uns allen nur wegen der Brüchigkeit ihre Bewertung erhalten zu haben.

 

Über zwei deutlich besser erhaltene Leitern steigen wir nochmal auf und ab, um zum großen Tunnelfenster 4 zu gelangen. Man kann sich noch ein wenig vorstellen, wie die Arbeiter hier genächtigt haben müssen: mit einem Dach über dem Kopf und wunderschöner Aussicht, aber doch in der Nordwand der Zugspitze, kalt und dem Wetter ausgesetzt. Morsches Holz am Boden und sogar ein aus Beton gebautes kleines Gebäude im Tunnel selbst, welches noch ein zerbrochenes Glasfenster hat, zeugen eindrücklich vom temporären Leben hier oben. Früher gab es hier noch Bierflaschen der Arbeiter, die ihnen vertraglich zustanden. Diese scheinen aber leichtfingrige Bergsteiger in den letzten Jahren dringend benötigt zu haben, und so fehlt eines der berühmteren Ausstellungsstücke dieses „Museums“.  

Am Ende des Tunnelfensters verlassen wir die alte Baustelle und folgen ab jetzt der erst 10 Jahre alten Route von Michael Gebhart hinauf zum Grat auf 2680m.

Ab jetzt nutzen wir unsere Seile deutlich mehr, es geht in teils ausgesetzter, manchmal bröseliger, aber meist einfacher IIer Kletterei immer nach rechts oben. Die ausgesetzte III+ Plattenquerung des Topos scheint mir und Chris die eigentliche klettertechnische Schlüsselstelle zu sein. Sowohl die brüchige Stufe IV-, als auch diverse IIIer Stellen danach, machen Spaß, fühlen sich aber nicht besonders hart an. Vielleicht liegt das auch am effizienten und freundschaftlichen Vorrankommen der Gruppe: Niemand scheint am Limit, die Aussicht ist allzeit schön, der Gipfel immer in Sichtweite und mehrmals in der Stunde wird der Gondel zugeschaut oder gewunken, wie sie nah an uns vorbeifährt. Sollte ich je mal mit der Eibsee Gondel fahren, wird‘ ich bestimmt die gesamte Route einsehen können und meinen Mitfahrern ebendiese zeigen wollen, sieht man sie doch so perfekt von dort.

Lutz weiß es noch nicht, aber seine ganz persönliche Schlüsselstelle befindet sich kurz vorm Ausstieg auf den Grat. Er hat sein Handy verloren, rief dies auch zu mir runter, ich soll bitte bei der letzten Seillänge alles absuchen. Ich versuch es, klettere sozusagen in Serpentinenform langsam rauf, immerzu suchend nach seinem Handy. Da es beim Aufstieg der anderen zweimal Steinschlag an mir vorbei gab, hab‘ ich schon die Befürchtung, dass eins davon kein Stein sondern ein Handy war, und es hoffnungslos verloren ist. Erfolglos komm ich oben bei den anderen an. Die Aussicht ist traumhaft, aber die Stimmung ein wenig gedämpft ob des teuren Verlusts. Letzter Hoffnungsschimmer: hinter uns kommt mit einigem Abstand noch eine Zweier-Seilschaft, vielleicht findet die es ja. Wir essen etwas, legen eine Pause ein, genießen die Aussicht und nehmen, sobald wir die Kletterer sehen, Rufkontakt zu ihnen auf. Und siehe da, unglaublicher Weise ruft uns die Bergführerin zu, sie habe das Handy gefunden. Wenige Minuten später hat Lutz sein voll funktionstüchtiges Handy zurück, eine Freude für uns alle.

Jetzt gilt es noch mit zwei Abseilern auf den Höllentalklettersteig zu kommen und das möglichst ohne Steinschlag auszulösen, denn der Klettersteig ist gut besucht und hat kaum Zeitfenster, in denen niemand unter uns steht. Wir schaffen das ganz gut und reihen uns ein in die Schlange der Klettersteigbegeher. Der Gast der Bergführerin, die uns eben noch das Handy gerettet hat, ist leider etwas weniger bergerfahren und löst einige größere Steine aus, auch auf Klettersteiggeher. Es passiert zwar nichts Schlimmeres, trotzdem wird er gebeten erst zu warten, bis wir alle an der unangenehmen Stelle vorbei sind, was etwas dauert, da genau dort eine Klettersteigsicherung ausgebrochen ist und das Stahlseil dadurch weniger gespannt ist.

Ab hier folgen wir noch 300 Höhenmeter dem Klettersteig bis kurz vor dem Gipfel, den wir nicht besteigen, da uns die Schlange zu lange ist. Selbst für den Abstieg hinüber zur Seilbahnplattform müssen wir anstehen. Dann ist‘s geschafft und wir nutzen statt des eigentlichen Gipfelkreuzes das neue, zweite Gipfelkreuz in der Bergstation. Dieses ist „charmanter Weise“ innen und direkt neben dem Toiletteneingang platziert, mit Foto dahinter wie es bei schönem Wetter aussehen könnte. Eindeutig hält es fragwürdig ausgestattete Touristen nicht davon ab, weiterhin zum echten Gipfelkreuz hinüber zu steigen. Vielleicht würde es helfen, das Kreuz draußen auf der Plattform anzubringen.

Für uns ist hier der Tag noch nicht vorbei, wir wollen die Tour „by fair means“ gehen, sprich ohne Seilbahnunterstützung, und so geht‘s jetzt den Stopselzieher hinab zur Wiener-Neustädter-Hütte. An der Schlüsselstelle löst ein Wanderer, der sich verstiegen hat, Steinschlag aus. Wir warten bis er aus der Gefahrenzone raus ist und machen uns schnell an den Weiterweg. Auf der Hütte stoßen wir auf unsere erfolgreiche Tour an, dann steigt Lutz wieder auf. Er übernachtet heute auf dem Münchner Haus und hat morgen noch den Jubiläumsgrat ins Auge gefasst.

Für den Rest von uns gehts unschwierig hinab zum Auto und ohne große Verkehrsstörungen zurück nach München.

Ein großes Dankeschön an Chris für die tolle Leitung der Tour, mir hats richtig viel Spaß gemacht. Auch die Tour selbst ist wirklich top, was von oben aussieht wie schuttbeladene Hänge, entpuppt sich in der Wand als meist recht solider Fels in atemberaubender Alpinwelt. Meine vollste Empfehlung.

Dominik Gelsheimer