© Jakob Brunner

Mein erster Winterraum

Skihochtour Stubaier Alpen

13.03.2026

Als ich mich für diese Tour anmeldete, wollte ich vor allem eines: ein paar gute Schwünge in steile Hänge der Stubaier Alpen setzen, Bergluft atmen und mir den Schnee ins Gesicht treiben lassen. Dass wir dabei in Winterräumen übernachten und ein paar Tipps zur Planung solcher Touren bekommen würden, klang spannend, war für mich aber eher ein Bonus. Bis ich anfing, mir mehr Gedanken über die Hütten, ihre Infrastruktur und das Drumherum zu machen.

Ich kenne die Alpen nur aus den letzten 15 bis 20 Jahren, also aus einer Zeit, die stark von einem regelrechten Berg-Hype geprägt ist. Orte ohne sichtbaren menschlichen Einfluss sind selten geworden. Auf beliebten Gipfeln reiht man sich ein, Hütten müssen lange im Voraus gebucht werden, und selbst auf 2000 Metern hört man Straßenlärm oder steht vor riesigen Parkhäusern. Gleichzeitig erzählen gerade Winterräume und alte Schutzhütten von einer ganz anderen Zeit. Einer, die ich nur aus Geschichten kenne: Bergvagabunden, die mit dem Fahrrad oder per Anhalter in die Alpen aufbrachen, sich gegen Wetter und Gelände behaupteten und irgendwo zwischen Abenteuer und Risiko unterwegs waren. Menschen, die alte Hospize, Almen oder einfache Unterstände nutzten, um immer weiter ins Gebirge vorzudringen.

Genau daran musste ich denken, als wir am ersten Abend im Winterraum saßen. Der Einstieg in die Tour hätte kaum gegensätzlicher sein können: Wir reisten mit den Öffis an, was sich heute fast schon ungewöhnlich anfühlt, wenn man die dicken Schlitten auf den Parkplätzen im Tal sieht. Den ersten Tag verbrachten wir im Skigebiet am Stubaier Gletscher. Perfektes Wetter, richtig guter Schnee, aber gleichzeitig dieser enge Kontrast zwischen gewaltiger Natur und maximalem Kommerz. Es funktioniert nebeneinander, aber so richtig zusammenpassen will es nicht.

Am Abend machten wir uns auf den Weg zur Hildesheimer Hütte. Die Gruppe – Tourenleiter Klaus Miebach , Roberto, Daniel, Stefan und ich – war gut ausgestattet: Pilzrisotto, Grießbrei mit Erdbeeren, Käsepolenta, Waldpilzcremesuppe. Dazu Porridge in allen Variationen, Schokokuchen, Instant-Kaffee und eine beeindruckende Auswahl an Teebeuteln. Abgesägte Zahnbürsten, ausklappbare „Göffel“ und sparsam bemessene Ersatzunterhosen machten dieses kulinarische Winterraumabenteuer möglich und ließen die Teilnehmer erkennen, wie wenig man eigentlich braucht. Der Winterraum selbst war überraschend komfortabel, gleichzeitig aber auch eine kleine Lektion in Eigenverantwortung. Es fehlte an Geschirr und Feuerholz, das Hüttenbuch war leer und schnell wurde deutlich, wie sehr dieses System auf Ehrlichkeit basiert. Idealerweise sollte man alles so hinterlassen, das auch die Nächsten, die kommen, klarkommen.

Am ersten Abend bekamen wir noch Besuch von einer Gruppe dänischer Skibergsteiger. Nun ist Dänemark nicht unbedingt die Nation, die man sofort mit Skitouren verbindet. Doch unter ihnen war sogar ein Telemarker. Ein dänischer Telemarker am Wilden Pfaff – dürfte wohl eher selten sein. Die Jungs hatten auf jeden Fall einiges zu erzählen: Segelboote, Diskussionen wegen Material beim Conrad in Garmisch, verlorene Schlüssel im Sellrain und Rückzüge über gefühlt halb Europa bei schlechtem Wetter. Da wurde uns schnell klar, wie privilegiert wir sind – wir kommen schnell mal für einen Wochenendtrip ins Gebirge…

Am nächsten Morgen starteten wir Richtung Siegerlandhütte. Doch schon vor dem Gamsplatzl wurde klar, dass es nicht weitergehen würde. 80 Stundenkilometer Wind, vielleicht fünf Meter Sicht und eine angespannte Lawinensituation ließ keinen sinnvollen Übergang zum nächsten Etappenziel zu. Natürlich hatten wir uns eher im T-Shirt auf der sonnigen Terrasse der Siegerlandhütte gesehen, stattdessen ging es zurück in den kalten Winterraum der Hildesheimer Hütte. Mit der Umkehr platzte auch unser ursprünglicher Plan einer Runde über die Siegerlandhütte zum Becherhaus und über den Freiger zurück ins Tal.

Nach der Rückkehr verzichteten wir zunächst aufs Einheizen, um Holz zu sparen, verkrochen uns in die Schlafsäcke und warteten. Man schläft, starrt Löcher in die Wand, hört dem Wind zu, der an der Hütte rüttelt. Zwei weitere Skibergsteiger stießen dazu, man erzählte sich Geschichten, lauschte dem Knarzen der Wände und suchte nach Wegen, wie man die Hütte warm bekommt. Abends gab es Pilzrisotto, das auf einer bewirtschafteten Hütte kaum besser hätte sein können. Anschließend schlüpften alle recht hoffnungsvoll in ihre warmen Schlafsäcke.

Am nächsten Tag ging es zwar ein Stück weiter Richtung Wilder Pfaff, aber im Whiteout und mit einem halben Meter Neuschnee wurde schnell klar, dass die geplante Tour keinen Sinn hatte und wir kehrten vor dem steilen Schlussanstieg um. Im oberen Bereich waren wir teilweise am Seil unterwegs, einfach um bei der schlechten Sicht ein bisschen mehr Sicherheit zu haben. Für die Übung und das alpinistische Gefühl ist das natürlich immer gut.

Genau das gehört dazu. Es war kein Scheitern, sondern eher eine Erinnerung daran, dass die Berge nicht planbar sind. Kein All-Inclusive-Urlaub, kein Programm, das man einfach abspult. Sondern ein Raum, in dem man sich bewegt, mit allem, was dazugehört.

Ich habe auf dieser Tour mehr mitgenommen, als es die wenigen Höhenmeter vermuten lassen. Der Winterraum hat mir eine Seite der Alpen gezeigt, die im Schatten von Liften und Buchungssystemen fast verschwindet. Was bleibt, ist keine Liste von Gipfeln oder Abfahrten. Sondern eine leise Sehnsucht: nach mehr Einfachheit, mehr Eigenständigkeit und nach diesem Gefühl, draußen wirklich unterwegs zu sein.

Jakob Brunner