Tag 3 – 17.07.2026: Ein langer Tag am Piz Glüschaint. Früh brechen wir Richtung Piz Glüschaint auf. Wir folgen zunächst dem bekannten Weg vom Vortag und biegen auf dem Gletscher linkerhand ab. Über eine Blankeisflanke, die wir mit Eisschrauben absichern, kommen wir auf einen flachen Gletscher und dem Einstieg des Felsgrats immer näher. Hier macht Jonas noch Bekanntschaft mit dem Bergschrund. Nach ein paar Fotos befreien wir ihn mit gemeinsamen Kräften. Die Topo passt leider nicht so ganz zu dem, was wir sehen: Der vermeintliche Einstieg fühlt sich jedenfalls deutlich anspruchsvoller an als erwartet. Julian steigt souverän vor und sichert mit Friends und Keilen ab. Am ersten Bohrhaken angekommen, der sich später als eigentlicher Einstieg herausstellt, sichert Julian die erste Seilschaft nach. Beim Nachsteigen löst sich bei Klaus ein größerer Fels und fällt in Richtung der zweiten Seilschaft hinunter. Glücklicherweise streift er Hendrik nur an der Schulter. Glück im Unglück. Mit einer Ibu kann die Tour weitergehen. Der Grat ist lang und ausgesetzt und schon zu Beginn haben wir die meisten Seillängen im Vor- und Nachstieg gesichert. Ein zeitaufwändiges Unterfangen. Den späteren Teil der Tour gehen wir am laufenden Seil. Den Gipfel erreichen wir erst um 16:30. Über den deutlich einfacheren Nordgrat steigen wir ab. Wieder am Gletscher angekommen, müssen mehrere sehr große Spalten überwunden werden. Mehrmals bauen wir T-Anker zum Abseilen. Für einen T-Anker hat sich Klaus sogar einen sehr großen länglichen Stein in den Rucksack gesteckt: In Kombination mit einer „Opferschlinge“ und ordentlich eingegraben, ergibt dieser einen ausgezeichneten Fixpunkt. In der Dämmerung fin den wir mit Freude Steinmänner, die uns den Weg zur Hütte zeigen. Um kurz nach 22 Uhr und damit nach Hüttenruhe erreichten wir die Hütte. Der Wirt, der uns regelmäßig mit dem Fernglas beobachtet hat, hat schon geahnt, dass es spät wird und hat uns das Abendessen aufgehoben. Für den nächsten Tag besteht eine Möglichkeit, der Piz Roseg in Kombination mit dem Übergang zur Marco e Rosa Hütte zu machen. Da wir aber den Zustieg tagsüber einsehen konnten und uns dieser gar nicht zugesagt hat, entschieden wir uns für einen 2 Stunden längeren Schlaf.
Tag 4 - 18.07.2026: "nur" ein Hüttenübergang. Nach dem Frühstück sortieren wir den Materialverhau vom Vortag: Am Abend haben wir Schlingen, Karabiner und Friends nur noch schnell in die Rucksäcke gestopft. Anschließend machen wir uns auf zur Marco e Rosa Hütte. Durch den starken Gletscherrückgang ist der Zugang deutlich schwieriger als erwartet, er kostete uns einige Zeit und zusätzliche Höhenmeter. Endlich am Gletscher angekommen geht es über den zunächst aperen Teil in Richtung Fuorcola de la Sella, den Übergang ins nächste Tal. Im Vedretta di Scerscen Superiore angekommen, können wir bereits unser Tagesziel, die Marco e Rosa Hütte auf 3.600 Metern, in der Ferne erkennen. Der logische Zustieg über den Gletscher wirkt allerdings extrem steil, und bereits mit bloßem Auge ist ein sehr steiler Felsabschnitt zu erkennen. Mit dem Fernglas sieht der direkte Aufstieg noch unmöglicher aus. Auf der Karte ist jedoch ein Steig eingezeichnet. Nach der Querung des aperen Gletscherbeckens geht es angeseilt über den spaltigen Gletscher, den Blick stets auf die steile Felswand gerichtet um den Einstieg in den Steig zu finden. Inzwischen hat sich das Wetter verschlechtert, was die Suche nicht gerade erleichtert. Schließlich erkennen wir eine Kette und eine Markierung. Der Einstieg liegt oberhalb des Bergschrunds und ist an dieser Stelle sehr steil. Hendrik, der zu diesem Zeitpunkt führt, setzt einige Eisschrauben und ermöglicht uns so die sichere Überquerung. Der restliche Weg zur Marco e Rosa Hütte ist ebenfalls sehr steil und ausgesetzt, aber durchgehend mit Ketten gesichert. Gegen 18:00 Uhr erreichten wir schließlich die Hütte – pünktlich zum Abendessen. Der Übergang von der Chamanna Coaz zur Marco e Rosa Hütte kann definitiv als vollwertige Hochtour gesehen werden. Nach einer feinen Portion Pasta wird noch die Tour für den nächsten Tag besprochen.
Tag 5 - 19.07.2026: Die Überschreitung des Piz Palü. Der Tag beginnt um 5 Uhr. Nur wenige Meter nach der Hütte stehen wir auf dem Gletscher. Vorbei an Crast Agüzza und Piz Argient geht es einen steilen Gletscherbruch hinauf. Entlang der Bellavista Terasse von der Fuorcla Bellavista über einen sehr ausgesetzten griffigen Felsgrat auf den Piz Spinas und weiter zum Westgipfel des Piz Palü. Die letzten Meter geht es wieder über Firn. Weiter seilfrei über einen schmalen Firngrat zum Hauptgipfel und von dort weiter zum Südgipfel. Auf dem Grat, der in Richtung Norden sehr tief blicken lässt, heißt es „absolute Konzentration“. Ein falscher Schritt hätte hier tödliche Folgen. Ein paar Fotos und Selfies am höchsten Punkt und weiter. Im Abstieg über den mit großen Spalten durchzogenen Gletscher muss man sich den Weg zur nächsten Schneebrücke immer wieder suchen. Umso tiefer wir kommen, desto weicher wirde der Schnee und umso schlechter das Wetter. Als wir den aperen Gletscher erreichten, hat das Wetter wieder aufgeklart, wir nutzen die Zeit und bastelten noch ein paar Eissanduhren und selbstausdrehende Eisschrauben. Beim Tragkraftversuch zeigt die Eissanduhr wie stabil so ein Gletschereis wirklich ist. Im Anschluss daran geht es weiter Richtung Berghaus Diavolezza, das auf knapp 3000 m liegt und einen tollen Blick auf den Piz Palü und den Biancograt auf den Piz Bernina ermöglicht. Nach dem Einchecken genießen wir die Dusche. Eine Wohltat nach 5 Tagen ohne. Das Abendessen mit Blick auf den Piz Palü ist der krönende Abschluss eines tollen Tages. Der Plan für den Abstieg ins Tal über den Munt Pers wird noch besprochen. Und voller Vorfreude auf das Frühstück, das laut Klaus ein tolles Buffet mit Kaffeemaschine ist, geht es ins Bett.
Tag 6- 19.07.2026: Ein Abstieg mit toller Aussicht. Nach einem ausgiebigen Frühstück (Klaus hat nicht zu viel versprochen) geht es über den Munt Pers zurück ins Tal. Die leichte Kletterei ist ein gelungener Abschluss und bietet zum Abschluss einen grandiosen Rückblick auf Piz Palü und Piz Bernina. Die letzten Meter zum Bahnhof Bernina Diavolezza müssen wir uns nochmal richtig sputen, um den Zug zu erreichen. Denn bevor es heimgeht, wollten wir den Supermarkt in Surovas noch um einige Schweizer Spezialitäten erleichtern. Mit Rivella, Rösti und Gruyère im Gepäck treten wir die Heimreise an. Ab Lindau müssen wir leider den Zug gegen den Schienenersatzverkehr nach München wechseln. Und so geht es mit dem Bus an den ZOB in München.
Vielen Dank an Klaus, für sechs lehrreiche Tage Hochtourentraining im Bernina-Massiv. Eine tolle Erfahrung mit einer super Truppe.
Michael Prock