Leises Knirschen im frischen Neuschnee – das ist alles, was wir hören, während wir unsere Aufstiegsspur in den noch unberührten Gurgler Ferner oberhalb des verlassenen Hochwildehauses legen. Die ganze Nacht hatte es geschneit und auch jetzt schneit es noch leicht. Fast absolute Windstille. Wir sind lange die einzigen weit und breit und ergriffen von der unbeschreiblichen Schönheit der Szenerie, die eine Ruhe und Friedlichkeit ausstrahlt, wie sie sonst im Trubel unten in der Stadt kaum zu finden ist. Und genauso fern sind auch die Sorgen und der Stress des Alltags. In diesem Moment ist da nur diese tiefe Zufriedenheit, die keine Worte braucht.
München, 5 Uhr morgens: Der Wecker klingelt. Wir – Claudia, Erik, Bettina, Dominik – treffen uns am frühen Samstagmorgen in München. Der Plan für heute: Hoch auf die Langtalereckhütte zusammen mit unserm Tourenführer Tilman Knopp, den wir in Ötztal Bahnhof aufgabeln, und dann vielleicht auf das Eiskögele. Aber erst einmal gilt es, die Bedingungen vor Ort abzuchecken, denn das Wetter ist an diesem Wochenende vor allem eines: wechselhaft. Wir haben Glück und finden einen Parkplatz in der nahe an der Talabfahrt gelegenen Tiefgarage an der Kirche in Obergurgl.
Dank Dachbox reisen wir zu fünft mit nur einem Auto an und haben uns auf der Fahrt bereits ein wenig kennenlernen können, also schnallen wir uns direkt die Bretter unter die Füße – Erik hat nur ein Brett, aufgesplittet – und machen uns auf den Weg. Oben in der Hütte angekommen, entscheiden wir uns, die Tour auf das Eiskögele zu wagen und erreichen es tatsächlich auch trotz der gemischten Wetterlage über den kurzen, gut ausgetrampelten kleinen Grat am oberen Ende des Hochebenferners.
Am späten Nachmittag beziehen wir unsere Betten auf dem Dachboden der Langtalereckhütte, den wir über eine schmale, ausfahrbare Metallleiter erreichen – Lagerstimmung vom Feinsten. Während draußen leise der Schnee rieselt, genießen wir das Abendessen in der warmen Stube unten. Die Stimmung ist gut. Es wird gelacht, erzählt und der Hüttenwirt sorgt höchstpersönlich dafür, dass niemand am Ende hungrig ins Bett gehen muss. Die Veggie-Option, Kartoffelgratin, kann sich sehen lassen.
Am nächsten Morgen brechen wir früh Richtung Hochwilde auf. Gleich zu Beginn beeindruckt uns die enge, tief eingeschnittene Schlucht, durch die sich der Weg zieht und die eine ganz besondere Stimmung mit sich bringt. Es dauert nicht lange, bis wir auf die weitläufige Eiswüste des Gurgler Ferners blicken. Trotz der sehr wechselhaften Verhältnisse – teils sonnig, teils nur wenige Schritte Sicht ohne erkennbare Bodenkonturen – erreichen wir den angepeilten, breiten Sattel unterhalb der Hochwilde. Wir entscheiden uns aufgrund der Verhältnisse gegen den Gipfel, werden dafür aber mit allerfeinstem Powder auf der Seite des Langtaler Ferners belohnt. Den Großteil müssen wir zwar am Seil abfahren, aber Tilman führt uns souverän mit Karte und GPS zurück nach unten. Plötzlich reißt es wieder auf und wir schieben gemeinsam aus dem Tal hinaus zurück zur Hütte. Spätestens jetzt wird allen klar, warum die Langtalereckhütte ihren Namen trägt. Der Weg durch den frischen Neuschnee zieht sich etwas, doch die Stimmung bleibt gut: Tilman und Claudia zaubern Schokolade hervor und plötzlich sind auch die letzten Meter nur noch halb so schlimm.
Zurück an der Hütte gönnen wir uns, bevor wir endgültig den Heimweg antreten, noch einen wohlverdienten Apfel- beziehungsweise Topfenstrudel. Nicht jeder Plan ist aufgegangen an diesem Wochenende und doch bleibt die Erkenntnis, was für ein großartiges Geschenk die beiden Tage mal wieder waren, mit den Eindrücken, die wir sammeln durften. Tolle Menschen, gute Stimmung und eine tiefverschneite Welt, die so nicht jedem zugänglich ist.
Dominik Solfronk