© Hermann Göb

Auf der Spur des doppelt-gefranzten blauen Enzians

Marmolata-Überschreitung

02.07.2026

„Marmolata-Überschreitung von Moena bis an den Fedaia-Stausee…“ Das war die grobe Beschreibung der Tour, für die unser Tourguide Franz Fraunhofer vier Tage angesetzt hatte. So weit, so gut. Das hörte sich – nach dem Blick auf die Karte, auf der etliche Klettersteige eingezeichnet waren – machbar an. Auch die Information, dass wir Pickel und Steigeisen für unsere Unternehmung einpacken sollten, war nicht beunruhigend – wohl wissend, dass Franz damit wieder einmal auf eine Portion Abenteuer hinwies. Und die angekündigten 1600 Höhenmeter pro Tag waren im Rahmen des Erwartbaren für einen solchen Ausflug in die Dolomiten.

Franz hatte aus übernachtungstechnischen Zwängen heraus recht kurzfristig entschieden, die Tour in umgekehrter Richtung durchzuführen. Vom Fedaia-Stausee starteten wir über den Marmolada-Gletscher auf den höchsten Gipfel der Marmolada, die Punta Penia mit 3343 m. Von dort ging es über den Hans-Seyffert- Klettersteig und die Marmolada-Scharte zu unserer ersten Herberge, dem Rifugio Contrin.

Von dort brachen wir am nächsten Tag Richtung Südwesten auf, wobei sich drei Optionen boten: Erstens über den Kaiserjägersteig (mit D-Stellen und der Frage, wie diese mit Gepäck gemeistert werden konnten). Zweitens über den Klettersteig Bepi Zac Teil 2, der nur auf der Karte von 1985 noch eingezeichnet war und den uns der Hüttenwirt mit "scary" und "many rockfalls" beschrieben hatte. Drittens am San Nicolò-Pass vorbei auf einem gerölligen Weg unter dem Col Ombert. Die Vernunft und das letzte Wort von Franz bestimmten dann tatsächlich die Option Nummer drei. Auf dem weiteren Weg über das Castel de Costabela und den Höhenweg/ Klettersteig Bepi Zac wurde es historisch: Munitionsreste, Granatsplitter, Stacheldrahtreste und ein kleines Museum zeugten von dem grausigen Ringen zwischen den KuK-Truppen und den italienischen Alpini vor 110 Jahren. Und so erfuhren wir unter anderem, dass auch ein königlich Bayerisches Schneeschuhbataillon auf Seiten der Mittelmächte in den Kämpfen mitmischte. Das Rifugio Passo delle Selle war unser zweites Übernachtungshaus. Die gigantische Aussicht und die Abendstimmung entschädigten zu mehr als 100 Prozent für die müden Knochen nach diesem Tag.

Am nächsten Tag, auf dem Bruno-Federspiel-Höhenweg, hielt das mulmige Gefühl an, dass hier, auf diesen Steinen, vor über 100 Jahren Menschen gelitten hatten und gestorben waren. Andererseits steigerte sich das Naturerlebnis von Tag zu Tag: Wer mit aufmerksamen Sinnen wanderte, konnte allerhand alpine Fauna erleben: unter anderem Schmetterlinge in schillernden Farben, Ziegen, Steinböcke, Adler und Gämsen. Auch dem Pflanzenliebhaber bot sich eine Fülle wunderschöner alpiner Flora. Der Lehrmeister dieses Metiers auf unserer Tour war mit Sicherheit Ulli, der viele der dort vorhandenen Pflanzen mit Namen benennen konnte. Allerdings war bei Ulli immer auch Vorsicht geboten, denn seine überschäumende Fantasie brachte zuweilen nicht existierende Arten hervor. Der doppelt-gefranzte blaue Enzian – eine Anspielung auf unseren Tourguide Franz – war ein solches Produkt.

Die dritte Übernachtungshütte war das Rifugio Valacia, das wunderschön eingebettet zwischen den Gipfeln des Monzoni-Gebirges lag. An unserem letzten Tag war noch der Klettersteig Franco Gadotti zu bewältigen, bevor der weitere Weg überwältigende Ausblicke auf die umstehenden Gebirgsstöcke, vor allem den Rosengarten, freigab. Unser Endziel war dann das touristische Pozza di Fassa, von wo aus wir den Bus zurück zum Fedaia-Stausee nahmen. Selbstverständlich durfte auch ein gemeinsames Abendessen nicht fehlen. Am Karerpass unter dem Latemar-Gebirgszug wurde auf die vier unvergesslichen Tage angestoßen und ein Hoch auf unseren Tourguide ausgesprochen, der uns in gewohnter Manier umsichtig und verantwortungsvoll geführt hatte. Danke, Franz!

Hermann Göb